Immerhin Herbst.

Der Herbst wird schön. Finde ich mal. Muss ja, denn: Nach dem verschissenen Sommer kann es eigentlich nur noch aufwärts gehen. Und den Herbst mag ich als Jahreszeit ganz besonders, wegen des Lichts, der Farben, der Gerüche, dass es abends wieder früher dunkel wird usw.(Im Frühjahr freue ich mich dann wieder darauf, dass es länger hell bleibt).

Aber es gibt eine ganz besondere Sache, die im am Herbst auch noch liebe: es ist draußen nass und kalt und windig und auch oll. Das ist im Grunde nicht so schön (wenn man mit den falschen Klamotten unterwegs ist), hat aber bei uns im Städtchen einen ganz gewaltigen Vorteil:

Die Alte mit ihrer verfickten Drehorgel steht im Herbst nicht unter unseren Fenstern.

Im Frühjahr geht’s los: Kaum wärmen die ersten Sonnenstrahlen die Altstadt, steht Samstags – es ist Markttag – die Frau mit der Drehorgel vorm Haus und orgelt sich einen. Pünktlich um 9.00 Uhr gehts los: Erst eine verorgelte Version von ABBAs »I have a dream«, dann wird Tschaikowski durchgenudelt, danach – als ob das Original nicht schon schlimm genug wäre – »Time to say goodbye«, danach weitere vergewaltigte Welthits, die eh keiner mehr hören kann, z.B. »My Heart will go on«, oder so. »Bye Bye my love« von den Bläck Fööss mag ich zwar immer noch, aber bitte nicht auf der Drehorgel.

Und. Das. Immer. Keine Abwechslung im Repertoire. Immer wieder die gleichen Drehorgelsongs. Immer an der gleichen Stelle. Seit wir hier wohnen, ist es das gleiche Spiel: Wenn man dann frühlings nicht Böses ahnend am Morgen die Fenster öffnet, um Sonne und Luft in die Räume zu lassen, orgelt es unten pünktlich wie der Maurer los. Man schreit »AAARGH!«, schließlich hat man es ein paar Monate verdrängt, knallt die Fenster wieder zu, überlässt die Räume dem Mief oder frühstückt im Schlafzimmer, das ist wenigstens hinten raus, da hört man nix. Man wünscht sich den Ziehharmonika-Russen zurück, der sich winters die Fingerspitzen schwarzgefroren hat und im Frühjahr wahrscheinlich zur Reha muss, im wieder Leben in die Hände zu bekommen. Der arme Mann.

Immer, wenn ich dann kurz vor dem Ausrasten stehe, runterstampfen und mit dem Mottek das Drecksgerät zu Klump kloppen will, erscheint mir ein Einhorn, das sagt: »Nein, Kumi, tu ’s nicht, es ist doch nur eine ältere Dame mit ihrer Drehorgel, die für die Kinderkrebshilfe sammelt und damit ein gutes Werk tut.«
»Ja, aber muss die mir so auf den Sack gehen? Ich geh jetz runter!«
»Kumi, beruhige dich, denn sonst bin ich gezwungen, dir mein Horn in den Arsch zu schieben. Und du weißt ja, wie unangenehm es sein kann, wenn es am Hirn anstößt.«

Schnauf.

Es hat ja recht, das gute Einhorn. Also bleibe ich oben, füge mich meinem Schicksal und lüfte am Samstag erst gegen 13:00 Uhr.

Aber jetzt ist erst einmal Herbst, wunderbarer Herbst. Die Blätter werden langsam gelb, der heiße Kakao steht bereit und wir warten, dass im Winter der Russe kommt.

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5 Gedanken zu “Immerhin Herbst.

  1. Deine Einhorn-Fantasien machen mir etwas Sorgen … obwohl ich lügen müsste, wenn ich abstritt, dass mir der Gedanke nicht auch schon einmal gekommen ist; Danach reiben wir uns mit des Einhorns Regenbogen-Kot ein und schlafen kuscheln unter dem Feenbaum ein! *aaaawwww*

  2. Da ist es bei Euch schon weiter als bei uns im Norden – hier wird es langsam und noch recht schüchtern gelblich – aber das schlägt dann binnen einer Nacht um. Ich freue mich auch auf und über den Herbst – das ist die Jahreszeit, für die es sich lohnt, den Sommer zu überleben. Und ja, auch hier lobe ich mir die einkehrende Ruhe und dass die Leute endlich mal die Schnauze halten und mehr zu Hause bleiben… für alle anderen gibt es Goretex und WaxxJacke 🙂

    Exterminate!

  3. @ Dalek Sander (sehr schöner Nick, Herr Jensko),

    Das Bild da oben ist aber nicht aktuell, hier beginnt es auch erst ganz zaghaft gelb zu werden. Das einzig doofe am Herbst: Moppedfahren wird noch gefährlicher. 🙂

  4. Kumi, da musst du mal aufs Land ziehen.
    Hier hat jeder irgendwelche Nervgeräte (Kreis(ch)säge, Holzspalter, Flex usw.) und Samstag geht das gelegentlich mal alles auf einmal an.
    (A-Bombe drauf ist leider auch keine Alternative…)

  5. @ Big Al:
    Muttern wohnt aufm Dorf/Bauernhof, da kommen noch ein paar Trecker dazu. Ich kenn das. Mein Stiefvater wird jedesmal bekloppt, wenn er am Wochenende in Ruhe im Garten sitzen will. Nur Sonntagmorgen ist einigermaßen Ruhe, wenn die Scheinheiligen beten gehen 🙂

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