Alt am Zaun

Es gibt überall im Land Baustellen, kleine und große, auf denen geschäftig gearbeitet wird (sieht man mal von den meisten Baustellen auf deutschen Autobahnen ab, an denen man nie einen Menschen – geschweige denn eine Maschine – arbeiten sieht, völlig unabhängig davon, wann man dran vorbeirauscht). Egal wo – Stadt oder Land –, egal zu welcher Tageszeit man an solchen Stellen vorbeischlendert, sieht man immer ihn: Den Bauzaun-Oppa.

Der Bauzaun-Oppa ist eine sehr umtriebige Spezies Mensch mit feinen Sensoren dafür, wo gepresslufthämmert, gebaggert, abgerissen oder gerohrverlegt wird. Sobald auf einer Brache ein Dixiklo aufgestellt wird, setzt sich ein Mechanismus in Gang, der nur mit der Quantenmechnik erklärt werden kann und der dazu führt, dass im Hirn des männlichen Geronten der unterbewusste Befehl zur Baustellensuche das Kommando übernimmt. Mittlerweile kennt der erfahrene Bauzaun-Oppa die wichtigsten und maschinell am besten ausgestatteten Baustellen der Stadt und macht sich früh, wenn das Ehegerät noch schläft oder weil es schon lange verstorben ist, auf zu den Freiluftkathedralen der körperlichen Arbeit, klinkt sich am Bauzaun ein – denn dafür sind Bauzäune eigentlich gedacht – und kuckt.
Stundenlang, wortlos und sehnsüchtig sieht er den Malochern zu, beim malochen, Bier-wegschlorken und mit-der-BILD-auf-Dixi-gehen. Er weiß noch genau, wie angenehm das früher war: Morgens aus dem Haus, roboten und abends mit Pils vor die Glotze, das Weib hat schon Schnittchen gemacht und ließ ihn in Ruhe und wenn nicht, eben in die Pinte, so ging der Tag schnell ’rum. Vorbei. Die Blagen sind schon lange aus dem Haus, haben seit einigen Jahren die Umschulungsmaßnahme vom Trockenbauer zu irgendwas mit Medien hinter sich, das Rentnerdasein ist einfach nur öde und Kaffee-Hag-Saufen im Seniorenzentrum füllt auch nicht gerade aus, es sei denn, der scheiß-untalentierte Alleinunterhalter ist da, dann kann man wenigstens noch eine abschleppen. Wenn überhaupt.

Und so findet sich der Bauzaun-Oppa Tag für Tag am mobilen Drahtgestell wieder. Manchmal bringt er noch die Enkel mit, nachdem er die von der KiTa abgeholt hat, denn auch (zumeist männliche) Kleinkinder sind noch fasziniert von den Baustellen und -maschinen. Und da ist es eben nicht ganz so einsam, wenn nicht gerade ein weiterer Bauzaun-Oppa ins Revier gefunden hat.

So stelle ich mir das vor, wenn ich die alten Männer am Bauzaun treffe. Warum man nicht schon längst eine Fotoserie angefangen habe, fragt man sich. Und ob wir Männer später auch zu den Zäunen pilgern? Man weiß es nicht …

2 Gedanken zu “Alt am Zaun

  1. Im Prinzip das selbe Bild, warum am Flughafen die meisten Männer aus den großen Glasfronten hinaus zum Rollfeld staunen, während ihre weiblichen Anhängsel auf den Plastikschalen in Zeitschriften blättern. Eine Welt der Faszination, die nur Eingeweihte jemals verstehen und dessen Grenzen nur von der menschlichen Vorstellungskraft bestimmt werden. Hach.

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