Mollie Und Gürgen.

Eines vorweg: Meine sämtlichen Kunden sind integre, nette Leute, mit denen ich wunderbar zurecht komme, mit denen die Arbeit Freude macht, darunter auch Menschen, die gute Freunde geworden sind. Ich liebe meinen Beruf, doch in meiner ganzen Zeit als Freiberufler gab es nur eine einzige unrühmliche Ausnahme, die ich unter der Rubrik »gezahltes Lehrgeld« verzeichnen muss. Es war auch sehr viel eigene Blödheit mit dabei. Und davon will ich euch hier erzählen.

Die Geschichte von Mollie und Gürgen. Eine lange Geschichte.

Es war einmal das Kunst- und Kulturmagazin eines Verlages im Bergischen, für den ich vor nicht allzu vielen Jahren einmal gearbeitet hatte (Ich nenne keinerlei Namen, und wenn, dann sind sie geändert, aber es sei soviel gesagt, dass für diesen Verlag zu arbeiten menschlich und finanziell mein größter Lapsus war).

Geführt wurde der »Verlag« (diese Hucke Verlag zu nennen, ist eigentlich schon ein schlechter Witz und eine Beleidigung für jeden ernstzunehmenden seriösen Kleinverleger) vom Ehepaar M., mit Hilfe einer minderbezahlten Hilfskraft, unter dem Namen der Tochter des Ehepaares. M’s hatten wohl vorher pekuniäre Durststrecken durchleben müssen, weshalb es mit der Finanzierung des Projektes #Kunstundkulturmagazin nicht ganz klappen wollte, und so musste – jung, unbedarft – die Tochter mit Ihrer Person herhalten. Macht man ja so als liebende Eltern: Klappts im eigenen Leben nicht so, weil man ’s so recht nicht auf die Reihe bekommt, müssen eben die Kinder herhalten. Wenns schief geht, geht eben der Rest mit. Scheißt der Hund drauf.

Aber das wusste ich alles noch gar nicht, als mich Frau M. anrief, ob ich nicht Lust hätte, im neuen Kunst- und Kulturmagazin für das Bergische zu inserieren. Nö, meinte ich, das brächte nix und außerdem hätte ich auch nicht die Kohle dafür. Schade, sagte man mir, aber ihnen fehle noch ein Grafiker, der das Heft layouten sollte, ob ich nicht dazu Lust hätte, ein 6 Mal im Jahr erscheinendes Kunst- und Kulturmagazin zu machen. Klar hatte ich Lust. Periodika kann man als Freiberufler immer gut gebrauchen, und wenn sowas regelmäßig reinkommt, ist das – solange solch ein Magazin Erfolg hat – eine gute Bank. Also sagte ich zu. Ich hätte auch »Leckt mich!« sagen können, dass hätte mir ebensoviel Geld, dafür aber weniger Ärger gebracht. Aber da kannte ich Mollie und Gürgen M. eben noch nicht. Aber ich sollte sie kennenlernen …

Wir machten also einen Termin in einem der vielen alten Fabrikgebäude in #bergische Industriestadt, heruntergekommen, sanierungsbedürftig, aber billig. Die »Redaktion« befand sich in dem alten Kontor des Hauses, die »Redakteure« hausten in der leicht grindigen Chefetage ein Stockwerk höher. Dort wurde ich sehr freundlich und direkt per Du empfangen von einer dicklichen, aber nicht unflotten, leicht esoterisch umflorten Dame in Wallegewändern und Kurzhaarschnitt und einem dünnen, etwas gebückten und ein wenig eingeschüchtert wirkenden bebrillten Zeta-Männchen: Mollie und Gürgen. Mollie war definitiv die dominante Person in der Ehe; laut, immer fröhlich wirkend, einnehmend und außerordentlich extrovertiert. Gürgen hingegen furchtsam, gehemmt und verklemmt, immer im Schatten der Ehefrau und so leise, dass man sehr genau hinhören musste, wenn er etwas zu wispern hatte. Aber auch ein wenig rattig und verschlagen. Eigentlich hätte ich damals schon argwöhnisch werden müssen, aber ich dachte mir: »Okay, hör mal hin, was die so zu sagen haben, kann ja nicht schaden.« Und ein Start-Up-Verlag muss ja auch mal klein anfangen.

Wir einigten uns per Vertrag pro Ausgabe auf eine Summe, von der ich dachte, dass man damit ganz gut arbeiten könne und legte alsbald – das erste Heft sollte demnächst erscheinen – mit dem Layout des Titels und der Innenseiten los. Es war ein aufgeräumtes, nüchternes Magazin, dass den Focus auf die Artikel legen und zwischendurch etwas Eyecandy liefern sollte. Für die Gestaltung des Layouts brauchte ich etwa anderthalb Tage, und für die Aufbereitung der Texte und Bilder bis zur Reinzeichnung anfangs 4 Tage, es läuft immer etwas länger zu Beginn und alles muss sich erst einmal einspielen, aber das sollte man bald in den Griff bekommen. Bekam man auch, schon beim zweiten Heft lief es viel besser. Allerdings hatte ich bis da hin nur quasi den Betrag für die Ausarbeitung des Layouts aus der ersten Rechnung bekommen, nur ein Drittel des eigentlichen Rechnungsbetrages. Man warte noch auf einige offene Anzeigenhonorare, erzähle mir Gürgen mit Dackelblick, und das Darlehen sei noch nicht ganz bewilligt, das käme aber bald. Auch hatte man die Druckerei gewechselt, man sei nicht zufrieden mit der ersten gewesen. Da war ich noch nicht misstrauisch, ich fand das Projekt anfangs eine schöne Sache und dachte, es hätte es verdient, dass man es unterstütze und wartete erst einmal ab. Schließlich nahm man mich auch mit auf diverse Veranstaltungen, was ich ganz vorteilhaft zum Kontakte knüpfen fand.

Das dritte Magazin stand an, alles lief wie gehabt, das Ding war schnell fertig und wieder eine neue Druckerei, weil man mit der vorigen nicht ganz zufrieden war. Von mir aus … Ach ja, wie es denn mit der Kohle wäre, frug ich. Jaaaaaaaa, das Darlehen ist immer noch nicht durch, man hätte Probleme, weil sich herausgestellt habe, dass die Tochter einen Schufaeintrag habe wegen irgendeiner lächerlichen Handyvertragsgeschichte. Das sei aber bald geklärt und dann dann gäbe es Geld. Außerdem hätte man immer noch diese Probleme mit den nicht zahlenden Anzeigenkunden. Das wäre echt schlimm und man stünde kurz vor dem Aus und das ist sei doch Scheiße, dass wegen solcher Kleinigkeiten ein so gutes Projekt (und das war es anfangs wirklich) scheitern würde. Ob ich ihnen noch einmal helfen könne, es ginge bald wieder bergauf, und das Magazin hätte sich in der Kunstszene etabliert und man wolle bald noch eines für den Kölner Raum auf die Beine stellen, das Kulturressort des WDR würde seine Unterstützung anbieten.

Okay, viertes Heft gemacht, und – ach was – wieder eine neue Druckerei. Das fand ich mittlerweile doch schon etwas seltsam, machte aber weiter, ich sollte ja bald Geld bekommen. Aber wie es der Teufel so will, wenn er seine Finger im Spiel hat, wieder Probleme mit Banken, Schufa und Anzeigenhonoraren. Aber das sei überhaupt kein Akt, mittlerweile sei man kulturtechnisch so mit dem Chef der örtlichen #DingsBank, und es sei nur eine Frage der Zeit, bis alles in trockenen Tüchern sei. In meinem Beisein rief man auch die Sekretärin des Oberbosses an und vereinbarte einen Termin. Mittlerweile bin ich sicher, dass das nur ein Trick war, um mich bei der Stange zu halten. Denn erst einmal war ich etwas beruhigt, aber doch noch ein wenig nervös, weil meine Arbeit kein reines Hobby ist, sondern auch zum Broterwerb dient.

Zufällig begab es sich aber, dass ich an einem Stammtisch hiesiger Macfreunde teilnahm, zu dem wir uns locker einmal im Monat trafen, und so saßen wir an einem Mittwoch im »Beatz und Kekse« (feiner Laden, so ganz nebenbei) und quatschten Computerzeugs. Dabei saß Stefan, ein Wuppertaler Fotograf, und wenn man sich so kennenlernt, fragt man auch, was man so macht und weil alle ihre Macs dabei haben, zeigt man man sich gegenseitig sein Online-Portfolio. Ich zeigte Stefan meines:
»Wie bitte? Du machst das #KunstundKulturmagazin für die M’s?«
»Ja, mache ich.«
»Alle bisherigen Hefte?«
»Ja.«
»Hast du schon dein Geld bekommen?«
»Äh … nö?!«
»Viel Spaß dabei.«

Die Geschichte geht auf jeden Fall weiter, aber daran schreibe ich gerade noch.

2 Gedanken zu “Mollie Und Gürgen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s