Was für ein Land …

… ist das eigentlich, in dem man bei schönstem Wetter das Haus verlässt und am Markstand gegenüber auf so etwas blicken muss?

Ist es Kunst, die mir verborgen blieb? Eine Metapher auf die Vergänglichkeit der Schönheit, auf die Schwerkraft, Falten und Gewichtszunahme, oder auf Altersdiskriminierung und Jugendwahn? Trägst du solche Unterhosen, ist es aus? Vorbei? Früher String, heute Stütz?

Oder ist es wieder gut zu wissen, dass es die Unterhose gibt? Ich möchte den großen Robert Gernhardt zitieren:

Dich will ich loben, Hässliches,
Du hast so was Verlässliches.

Das Schöne schwindet, scheidet, flieht,
fast tut es weh, wenn man es sieht.

Wer Schönes anschaut, spürt die Zeit,
und Zeit meint stets: Bald ist ’s so weit.

Das Schöne gibt uns Grund zur Trauer,
das Hässliche erfreut durch Dauer.

Wer weiß …

Aber immerhin ist die Frau mit der Drehorgel noch nicht aufgekreuzt (sie wird doch wohl nicht krank sein, ich vermisse es fast schon, schreiend die Fenster zuzuwerfen, weil unten »I had a Dream« losorgelt), ihr würde ich die Unterhose gönnen.

»Sprache, meine Damen und Herren, Sprache!« …

… sagte einst einer der bedeutendsten deutschen Satiriker und Philosophen des letzten Jahrhunderts: Hanns Dieter Hüsch.

Und weil die (deutsche) Sprache so schön ist, habe ich mir gestern endlich die Gedichte-Gesamtausgabe des ebenso bedeutenden, ebenfalls völlig zu Unrecht verstorbenen Lyrikers und Zeichners Robert Gernhardt zugelegt.

Robert Gernhardt verstand es wie kaum ein zweiter, Schweres, Leichtes, Melancholisches und Nonsens in allen möglichen Versformen zu schreiben. Damit gehört er mit Ringelnatz, Heine oder Morgenstern zu meinen Lieblingsdichtern und hat diese wunderschöne bibliophile Gesamtausgabe redlich verdient, man will fast sagen, der S.-Fischer-Verlag habe ihm mit dieser Widmung an sein Lyrikwerk ein kleines Denkmal gesetzt:
Sehr liebevoll hergestellt im Leineneinband und Fadenheftung mit Lesebändchen, kommt das kleine Format mit seinen über 1.000 Seiten im Dünndruck sehr handlich daher, ist also ein idealer Schmöker für Unterwegs. Geordnet sind Gernhardts Gedichte chronologisch von 1954 bis zu seinem Tod 2006 (ausgerechnet an meinem Geburtstag), wodurch man sehr schön die Entwicklung seiner Dichtung erlesen kann, beispielsweise seine Zeit in der »Frankfurter Schule« oder die als Gagschreiber für Otto Waalkes (als Otto noch lustig war), aber auch die Höhen und Tiefen in seinem Leben. Besonders zu empfehlen in dem Zusammenhang: Die K-Gedichte, die nach seiner Krebsdiagnose entstanden und auch in einer eigenen Ausgabe erschienen sind.

Leider blieb es mir vergönnt, Robert Gernhardt live lesen zu hören, umso schöner ist aber dieses kleine Buch. Ich kann jedem, der Sprache und Lyrik mag, dies Gesamtausgabe nur wärmstens ans Herz legen. Kaufbefehl.

Robert Gernhardt · Gesammelte Gedichte 1954 – 2006
S. Fischer Verlag 2008
ISBN 9783100255112